Interview mit Rebecca Koellner

eine lächelnde Frau mit dunkelbraunen, kurzen Haaren steht  in einer weißen Bluse vor einer beigen Wand

Rebecca Koellner

Die in Konstanz lebende Künstlerin Rebecca Koellner erforscht seit rund 20 Jahren das Zusammenspiel von Sprache und Skulptur. Dabei werden auch in der Natur vorgefundene Objekte von ihr bearbeitet.

Ihre Trägermaterialien sind vielfältig und neben verschiedenen Papieren kommen Folien, Stoffe oder Filze zum Einsatz. Sie interessiert sich besonders für die Beschaffenheit des Materials, deren Transparenz oder Dichte. Diese stellt sie gerne gegenüber und kombiniert sie. Dadurch entstehen neue Gebilde und Beziehungen auf der Fläche und im Raum. Gitta Bertram hat mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

 

Wie bist du Künstlerin geworden?

Ich habe mich als Kind eines Nachmittags ein Plattencover abgezeichnet. Ich war so beglückt von meinem Motiv, und überrascht, wie gut es mir gelungen ist, dass ich es übers Bett gehängt habe! Meine Patentante hat mir dann ein Ölmalset geschenkt und da habe ich ein Stillleben gemalt mit Obst und Obstkorb.

Meine Eltern waren begeistert von Literatur, Kunst, Musik. Sie haben mich gefördert und fuhren mich zu VHS-Kursen. Das war ein freundliches, liebevolles und förderndes Umfeld.

Hattest Du damals schon die Idee, Künstlerin zu werden?

Ich habe zunächst eine Buchhändlerlehre in Tübingen gemacht. Mir war aber klar, dass ich Kunst studieren will. Nach drei Jahren auf der Freien Kunstschule in Nürtingen habe ich mich an Kunstakademien beworben. Ich bin nach Saarbrücken auf die Hochschule der bildenden Künste, Saar zu Ulrike Rosenbach, Fach Neue Medien.

Meadow in Summer, 2025
Fotografie 90 x 60 cm

Wie bist Du dann nach Kassel gekommen?

Leider waren die Neuen Medien nicht meins. Der Gastprofessor Serge Spitzer ermutigte mich, nach Kassel zu Norbert Rademacher zu wechseln. Und das war eine solide, unspektakuläre, sich ganz auf die Arbeit konzentrierende “Ausbildung“.

Wie war es für Dich dann nach dem Studium?

Ich habe parallel zum Studium in einer Weinhandlung in Kassel, namens “Schluckspecht”, gejobbt. Die vielseitige Weinwelt hat mich interessiert. Bei Wein geht es viel um Sinneswahrnehmung. Nach dem Diplom und meiner Meisterschülerzeit beschloss ich, ein Jahr nach Kalifornien zu gehen. Eigentlich, um mich weiter zu qualifizieren und einen „Brotjob“ zu haben. Denn ich wusste schon, dass das Leben als Künstlerin oft prekär ist.

Ich ging zurück nach Kassel, hatte mir ein Atelier angemietet und stand dennoch völlig verloren in diesem Raum. Ich wusste überhaupt nicht, wie man den Beruf Künstlerin ausübt, abseits der künstlerischen Arbeit.  Ich habe schnell gemerkt, dass ich hier nicht weiter komme. Ich musste mich finanzieren, hatte 5 Jobs parallel und konnte gerade so davon leben. An Kunst war überhaupt nicht zu denken. Wann sollte ich das zeitlich unterkriegen?

Und wie hast du das für Dich gelöst?

Ich hatte damals bei B. Braun in Melsungen Werksführungen gemacht. Dieser Medizintechnikhersteller hat eine schöne Kunstsammlung, und ein Firmengebäude, gebaut von James Sterling. Ich hatte gemerkt, dass ich ganz gut vor Leuten reden kann. Das brachte mich auf die Idee, PR-Refentin zu werden, was mich dann nach Konstanz brachte. Eine ganze Zeit in Konstanz wollte ich von Kunst nichts mehr wissen. Ich stellte mir die Frage: „Wie bin ich nur auf die Idee kommen können, das zu studieren!?“

Du hast aber wieder einen Weg zur Kunst gefunden? Wie sah der dann aus und würdest Du ihn empfehlen?

Es gibt da kein Konzept. Was ich rückblickend anders machen würde, wäre, selbstbewusster schon während des Studiums nach Stipendien Ausschau zu halten.

Als ich mich 2009 wieder der Kunst zugewandt habe, habe ich gemerkt, dass sie ein wichtiger Teil von mir ist. Mein Weg, der für mich nun gut funktioniert, ist, dass ich eine Festanstellung in Teilzeit habe, und so die Möglichkeit habe, künstlerisch aktiv zu sein. Ich bin raus aus der prekären Situation, habe meinen Hintergrund gesichert und mein „Spielbein Kunst“. Dadurch, dass es eine Teilzeitstelle ist, brauche ich aber natürlich immer noch Förderungen, um ein Projekt finanzieren zu können.

 

Rebecca Koellner bei der Installation von Der Speicher
Bild Credit: Rebecca Koellner

Wie erlebst Du die Kunstwelt als Frau?

Ich habe das Gefühl, es wird langsam besser, aber ich glaube, dass Männer in der Kunstwelt mehr gesehen werden als Frauen. Über Kunst von Frauen wird dann manchm al abschätzig geurteilt, das wird dann zur “Frauenkunst”, zur “Strickkunst”, das habe ich alles schon gehört. Also, es hilft nichts ,sich zu beklagen und die Opferrolle anzunehmen. Es geht darum, seinen Weg zu gehen.

Wie geht man dann in dieser Welt seinen Weg?

Man hat als Künstlerin ein Dilemma: Du musst ein sensibler Mensch sein, um Kunst machen zu können und gleichzeitig musst Du eine gewisse Toughness in dir haben. Man muss lernen, sich selbst treu zu bleiben und darf sich von den Außenwelten nicht irritieren lassen.

 

etwas fällt herunter, Detail, 2025
LED-Röhren, Aluminiumrahmen

Wie definierst Du Deine Kunst?

Für mich ist wichtig, als Künstlerin mit meiner Kunst Menschen zu berühren, so dass sie durch meine künstlerischen Arbeiten eine neue Betrachtung hinzugewinnen können. Ich wünsche mir, Irritationen, eine neue Erfahrung, den Blick erweitern, sich mehr Freiheit erlauben zu können!

Dazu gehören künstlerische Entscheidung, die ich treffe. Bei meinen Written Art-Arbeiten kann man die Texte nicht lesen, wie gewohnt, von links nach rechts, sondern von unten nach oben. Muss man seinen Standpunkt ändern, also eine andere Blickperspektive einnehmen.

Ob Kunstarbeiten berühren oder nicht, diese Einschätzung treffen ja auch andere. Manche Arbeiten können für manche wichtig, berührend oder ein Ärgernis sein. In meiner Arbeit „der speicher“ im Stadtgarten Konstanz, kam eine Frau auf mich zu und sagte, sie sei so berührt von den Arbeiten. Das war natürlich schön für mich. Ein anderer pfiff mir entgegen: „Beschmieren sie doch die Bäume in ihrem eigenen Garten!“

 

Wie entstehen Deine Arbeiten?

Meine Arbeiten entstehen meistens beim Spazierengehen. So auch die Arbeit mit den Bäumen. Ich hatte das beim Joggen entwickelt. Ich verwendete zunächste fremde Texte von Michel de Montaigne und Virginia Woolf, die ich auf Bäume anbrachte. Eine Freundin fragte mich, warum ich nicht eigene Texte verwende. Da ich aus der Kunst kam, schien das zunächst völlig abwegig für mich. Ich habe dann angefangen, eigene lyrische Texte zu schreiben.

Deine Serie “Heimat” mit den Wiedehopffedern ist eine sehr persönliche?

Ich habe auf dem Fernsehsender 3Sat eine Sendung über die Wiederansiedlung des Wiedehopfs im Wagram, einer Weinregion vor Wien, geschaut. Sie haben Manfred Eckenfeller interviewt, der den Wiedehopf dort angesiedelt hatte. Ich entschloss mich, ihn zu besuchen. Er schenkte mir Wiedehopffedern. Daraus entstanden die Arbeiten mit Bienenwaben, Texten und den Federn.

Heimat II - Detail 2025
Bienenwaben, Holz, Wiedehopffedern und Papier

Du kombinierst in deiner Arbeit Text und Skulptur. In welchem Verhältnis stehen die zu einander?

Ich möchte die Balance zwischen Text und Schrift halten. Die Künstlerin Ayşe Erkmen, sie hatte eine Gastprofessur in Kassel, sagte zu mir, dass in der Kunst, wie in einem Konzert, jedes Instrument gleichberechtigt sein sollte; es sei eine demokratische Form, wo alle Stimmen gleichberechtigt sind. Das war wirklich erhellend. Beides, Text und Skulptur, kommen in meinen Arbeiten gleichermaßen zu seinem Recht. Ich hoffe zumindest, dass mir das gelingt.

Was brauchst Du für Umstände, um Kunst machen zu können?

Die Seele vagabundieren lassen, keine Hektik. Ich brauche die Stimulation von Erlebnissen: die Natur um mich herum, Museumsbesuche, Literatur, Gespräche.

Liebe Rebecca, vielen Dank für das Gespräch



 

Zu Rebeccas Ausstellung Der Speicher 2022 und 2025 im LABORfenster gibt es eigene Posts.