Kulturelle Grundversorgung durch Netzwerke
Kultur ist weit mehr als nur ein Freizeitangebot – sie ist ein wesentlicher Bestandteil der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung einer Region. Gerade im ländlichen Raum, der oft von geografischer Fragmentierung und demografischen Wandel betroffen ist, kann Kultur ein Schlüssel zur Zukunftsgestaltung sein. Eine stark ausbaufähige Infrastruktur verhindert aktuell Chancengleichheit für kulturelle Teilhabe. Wie viele Angebote Bürgerinnen und Bürger tatsächlich wahrnehmen können hängt nicht nur vom Geldbeutel, sondern auch vom Wohnort ab. Nun haben nicht alle Ortschaften die nötigen Ressourcen, um ein lokales Programm auf die Beine zu stellen. Kooperationen und Wissensaustausch zwischen den entsprechenden Akteur:innen kann dem Abhilfe schaffen. Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil der Stiftungsarbeit auch das Knüpfen und Stärken kultureller und künstlerischer Netzwerke.
Die Zusammenarbeit mit der Kulturinitiative Mettstett (KIM) ist ein Beispiel für kulturelles Netzwerken. Ein hochmotivierter Ortsversteher und ebenso ambitionierte Bewohner:innen Dürrenmettstettens möchten mehr Kultur nach Mettstett bringen. Einen erfolgreichen Startversuch dafür haben sie in völliger Eigenleistung mit der “WeinLesen” Reihe gewagt. Nach sehr positiven Rückmeldungen und Wünschen nach “mehr” laden sie die Welt zu Gast nach Mettstett ein. Das neue Format bringt Musik aus dem Balkan und Westafrika auf die Bühne des Dorfes. Das Publikum darf sich nicht nur den Klängen fremder Kultur hingeben, sondern auch in einen moderierten Austausch mit den Künstler:innen gehen und einfach mal neugierig sein. Um das Ganze so barrierearm wie möglich zu gestalten sind die Eintritte auf Spendenbasis. Damit die Künstler:innen trotzdem ihre feste Gage bekommen heißt es: Fördermittel beantragen. Hier kommt die Stiftung als Beraterin und aktive Mitschreiberin ins Spiel. Unsere gesammelte Erfahrung mit unterschiedlichsten Antragsforen und Fördermittelformaten, ermöglicht es uns Anfänger:innen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.
Einzelpersonen unterstützt und berät die Stiftung bei ihren Projekten ebenfalls. Künstlerinnen und Künstler sind als Privatperson häufig nicht antragsberechtigt und finden sich in dem Antragsdschungel nur bedingt zurecht. Insbesondere experimentelle Formate und interdisziplinäre Konzerte, wie die szenische Performance für Violoncello stehen im Fokus der Stiftungsarbeit.
Derartige Projekte stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ortschaften, Gemeinden, Landkreisen und darüber hinaus. Wir schaffen Möglichkeiten für Kooperationen zwischen Kulturakteur:innen, Künstler:innen, Laien, Vereinen und öffentlichen Institutionen. Dadurch entstehen Kontakte und Beziehungen, die immer wieder zu neuen Projekten führen.
In der heutigen Zeit benötigen wir eine formbare Kulturpolitik/Kultur. Eine, zu der alle selbst nach Unterbrechung wieder einen leichten Zugang finden und ohne längere, amtliche Verpflichtung mitmachen können. Wir möchten kulturelle und künstlerische Teilhabe und Bildung ermöglichen, die zu den fluiden Lebensstilen der Zeit passen.
Wie kann das umgesetzt werden?
In strukturschwachen Regionen kann eine kulturelle Grundversorgung nicht top-down gesteuert werden. Das ausgeprägte Vereinsleben im Ländle steht für rund zehn Vereine im selben Dörfle mit um die 20-50 Mitglieder. Damit gibt es ein signifikantes Potential an Ehrenamtlichen. Diese Struktur braucht einerseits einen stabilen Rahmen, in dem sie sich entfalten und weiterentwickeln kann. Dazu gehört vor allem ein gesicherter finanzieller Rahmen durch kommunale Förderungen - wie eben in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Eine Meta Studie der WHO hat noch einmal bestätigt, was uns lange schon klar war: “Kunst und Kultur wirken sich positiv auf die psychische und körperliche Gesundheit aus.” Gemeinsam möchten wir die Lebensqualität verbessern und einen attraktiven Lebensraum, auch für junge Familien, gestalten.
Andererseits benötigt Ehrenamt Hauptamt. Bei all den Verpflichtungen, die wir heute haben, können wir nicht auch noch umsonst verschiedene Projekte organisieren und ehrenamtliches Engagement entgeltlos koordinieren. Die wenigsten Vereine können sich das aber leisten und schon gar nicht in dem Maße, wie es eigentlich nötig wäre. Es mangelt an zentralen Beratungsstellen, die den Anfragen, Wünschen und Ideen nachkommen können. Aufgrund fortlaufender Kürzungen sind die Kulturämter chronisch unterbesetzt.
Der Bund versucht durch das Programm Aller.Land dem auf Länderebene entgegenzuwirken. Im Kreis Rottweil finanzieren sie das Projekt kultur.verbindet*, das lebensnahe und kreative Kultur fördert. Um die Zusammenarbeit im gesamten Landkreis zu stärken, wurden dafür zwei Personalstellen geschaffen. Durch die Ansprechpartnerinnen, sollen Menschen unterstützt und Ideen umsetzbar werden.
Die “Wilde Hilde: das Theaterprojekt für alle entlang des Neckars” ist ein Projekt im Rahmen der Netzwerkpartnerschaft Mix & Match von kultur.verbindet. Dank der Förderung können die Nachbarstädte Sulz und Oberndorf am Neckar Theater für alle anbieten. Teil des Projektes ist ein Shuttlebus zwischen den Städten, damit alle an dem Angebot teilnehmen können. Für die Teilnehmenden ist das Ganze kostenlos.
Ein weiteres Projekt des Landkreises ist ein “Kreativgremium”. Hier treffen sich regelmäßig Akteur:innen aus Kunst und Kultur, um gemeinsam an einer niedrigschwelligen Vernetzung zu arbeiten und neue Formate zu gestalten.
Es ist schön zu sehen, wie schnell neue Ideen wachsen, wenn es Orte gibt, an denen Menschen zusammen kommen, um neue Ideen zu entwickeln. Es braucht dazu: einen Willen, Raum für kreatives Denken, etwas Muße und die passende Förderung. Wir alle nutzen Kultur, um miteinander Zukunft zu gestalten. Sie ist ein elementarer Bestandteil einer funktionierenden Demokratie und ein Teil der Daseinsfürsorge.
*“Gefördert wird „Aller.Land“ durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) sowie durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Programmpartner ist das Bundesministerium des Innern (BMI). Der Bund stellt für das Förderprogramm von 2023 bis 2030 insgesamt 69,4 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung und Regionale Wertschöpfung (BULEplus) sowie aus Mitteln der bpb zur Verfügung. Umgesetzt wird es vom Programmbüro Aller.Land (Projekteure bakv gGmbH).”